Ortsbeirat-Infoabend: Großes Interesse an Alternativen zu Heizöl und Gas

Wer in Neuschloß ein Haus besitzt, muss sich auf erhebliche Investitionen einstellen. Das gilt insbesondere für jene Gebäude im alten Ortskern, die Ende der Fünfziger Jahre entstanden sind. Nicht wenige Frauen und Männer aus unserem Stadtteil sind dennoch zu einer energetischen Sanierung ihrer Immobilien bereit. Das zeigte ein Informationsabend zum Thema “Energie fürs Haus ohne Gas und Öl“, den die Bürgerkammer für den Ortsbeirat organisiert hatte.

Einen systematischen Überblick über alternative Heiztechniken, Anforderungen an die Wärmeisolierung und Möglichkeiten, die Energie der Sonne zu nutzen, gaben die Referenten Peter Hensel und Philipp Schönberger. Beide sind Geschäftsführer beim Lampertheimer Beratungsunternehmen EnergyEffizienz.

Es dauerte nicht lange, bis sich die etwa 40 Interessierten im Bürgersaal am Ahornplatz einmischten – mit Nachfragen und Diskussionsbeiträgen. Schnell wurde klar, dass sich viele Neuschlößerinnen und Neuschlößer schon ausgiebig damit beschäftigt haben, was sie gegen die massiv steigenden Kosten für Gas, Heizöl und Strom tun können.

Der Infoabend des Ortsbeirats stößt auf großes Interesse.
Der Infoabend des Ortsbeirats stößt auf großes Interesse.

Es zeigte sich aber ebenso: Es geht hier nicht nur um Geld, sondern auch um Verantwortung. Denn die meisten im Publikum waren im Rentenalter. Ihnen ist bewusst, dass sich manche Investitionen erst für kommende Generationen auszahlen. Dennoch erwägen sie, die Umbauten anzugehen.

Projekt für mehrere Generationen

Ein wenig scheint dabei auch ein schlechtes Gewissen eine Rolle zu spielen: „Wir haben Jahrzehntelang gut gelebt, sind in viele Urlaube gefahren – und kümmerten uns nicht um saubere Energie, einfach weil Gas und Heizöl so billig waren“, brachte Fritz Götz die Stimmung auf den Punkt. Er war Erster Stadtrat und gilt als wichtige Stimme der SPD in Lampertheim.

Zur Sachlage fasste Schönberger zusammen: Neue Öl- und Gasheizungen dürfen wohl bald nicht mehr in Betrieb genommen werden. Für bestehende gibt es eine Übergangsfrist, die voraussichtlich auf 20 Jahre sinken wird. Heißt: Geht eine bestehende Öl- oder Gasheizung kaputt, muss sie künftig mit einer alternativen Technik ersetzt werden.

Philipp Schönberger (links) und Peter Hensel, Geschäftsführer beim Lampertheimer Beratungsunternehmen Energy Effizienz.
Philipp Schönberger (links) und Peter Hensel, Geschäftsführer beim Lampertheimer Beratungsunternehmen Energy Effizienz.

Alternative: die Wärmepumpe

In Frage kommen hier vor allem Wärmepumpen. Sie werden mit Strom angetrieben und besorgen sich zusätzlich Energie aus der Umgebung. Je nach Bauart kann die Wärme dem Grundwasser, dem Erdboden oder der Luft entnommen werden.

In Neuschloß gibt es eine Besonderheit, auf die Ortsvorsteherin Carola Biehal hinwies: „Auf jenen Grundstücken, bei denen während der Altlastensanierung eine Sickerwassersperrschicht eingebaut wurde, könnte eine Installation im Grundwasser oder Erdboden schwierig sein. Hier sollte mit dem Regierungspräsidium in Darmstadt gesprochen werden.“

Luftwärmepumpen sind nicht ganz so effizient, aber fast überall möglich. Allerdings laufen sie dann am besten, wenn ein Haus gut isoliert ist. Das kann das Dach betreffen, die Kellerdecke und die Außenwände.

Strom vom Dach – immer wichtiger

Ideal ist eine Kombination von Wärmepumpen mit einer Photovoltaik-Anlage. So kann auch der nötige Strom teilweise selbst gewonnen werden. Peter Hensel gab den Neuschlößerinnen und Neuschlößern einen einfachen Rat: „Ich würde jede geeignete Dachfläche so schnell es geht mit Solarpanelen belegen“, sagte er und verwies darauf, dass auch Autos künftig mit Strom betrieben würden.

Das Land Hessen bietet ein Solarkataster an – es gibt einen ersten Eindruck davon, wie geeignet welches Dach für eine Solaranlage ist. Ausschlaggebend sind Fläche, Ausrichtung und Neigung der Kollektoren.

Aktuell rufen manche Anbieter völlig überhöhte Preise auf. Die Referenten informierten, im Rahmen lägen Anlagen, die auf bis zu 2000 Euro pro Kilowatt-Peak (kWp) kommen. Darüber hinaus kann mit einem Batteriespeicher der Eigenverbrauch gesteigert werden, was aber mit zusätzlichen Kosten verbunden ist und daher im Einzelfall wirtschaftlich betrachtet werden sollte. Gängige Installationen kommen auf 5 bis 10 Kilowatt-Peak. Weitere Faustregel: Um ein Kilowatt-Peak zu erzeugen, ist in der Regel eine Dachfläche von sieben Quadratmeter nötig.

Für viele Häuser in Neuschloß relevant: Bevor eine Solaranlage aufs Dach kommt, sollte geprüft werden, ob die Ziegel noch lange genug durchhalten. Betonziegel halten 50 Jahre, Tonziegel 70 Jahre – falls Moos sie nicht vorher porös macht.

Energetische Sanierung: die Kosten

Wer im Geiste mit überschlagen hat, ahnt schnell, um welche Summen es insgesamt gehen kann. Zur groben Einschätzung: Ein komplett neues, wärmeisoliertes Dach für ein Siedlungshaus wie im Ulmen-/ Buchen-/ Lindenweg kann 50.000 bis 60.000 Euro kosten. Für die Außenisolierung der Wände dürfen 40.000 Euro eingeplant werden. Die Umstellung der Heizung auf eine Wärmepumpe verlangt 20.000 bis 40.000 Euro. Eine Photovoltaik-Anlage je nach Größenordnung 10.000 bis 30.000 Euro. Fast schwindelerregend, diese Beträge. Und zu alledem: Es ist gar nicht einfach, Handwerksbetriebe zu finden, die sich darum kümmern.

Helfen können Energieberatungsunternehmen – unter anderem dabei, staatliche Zuschüsse und günstige Kredite beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) und bei bei der Förderbank KFW zu beantragen. Wer sich darüber hinaus von Energiefachleuten einen langfristigen Sanierungsfahrplan erstellen lässt, kann zudem höhere öffentliche Zuschüsse erhalten.

Nach der gut zweistündigen Diskussion standen viele Leute noch zusammen und überlegten gemeinsam nach individuellen Lösungen. Viele lobten die Initiative der Bürgerkammer zu diesem Thema. Es dürfte Neuschloß noch eine gute Weile beschäftigen.

Die Jahre der Öltanks sind gezählt.
Die Jahre der Öltanks sind gezählt.

Transparenzhinweis: Der Autor ist Mitglied von Bürgerkammer und Ortsbeirat.