Wer heute durch den alten Teil von Neuschloß läuft, sieht schöne neue Straßen und blühende Gärten – das Ergebnis der aufwendigen Bodensanierung. Doch tief unter der Erde, im Grundwasserleiter, gibt es weiter Hinterlassenschaften der früheren chemischen Fabrik. Im Blickpunkt steht dabei vor allem Arsen.

An der Landesstraße, in der Nähe von Abwasserpumpstation und kleinem Friedhof-Parkplatz, rauscht das Grundwasser durch die Sanierungsanlage. Tag und Nacht ziehen bisher die Pumpen dort Wasser aus verschiedenen Brunnen an, reinigen es und geben das gesäuberte Nass über andere Brunnen zurück ins Grundwasser. Jedes Jahr holt die Anlage 60 Kilogramm Arsen aus dem Grundwasser. Das ist eine ordentliche Menge; etwas deutlicher formuliert: Daran können ziemlich viele Menschen sterben.

Die Grundwassersanierung könnte also ein Erfolg sein – wäre die Gesamtbelastung nicht kaum vorstellbar hoch. Die Experten gehen von sieben bis zehn Tonnen Arsen im Neuschlößer Grundwasserleiter aus. So richtig was ändern würde sich im Grundwasser, geht alles so weiter wie bisher, also frühestens in 150 Jahren.

Andererseits: Die Schadstofffahne, ein Kilometer lang, bewegt sich mit 15 Zentimeter pro Jahr in Richtung Wasserwerk im Bürstädter Wald. Heute liegen noch 2,5 Kilometer zwischen Arsen und Werk. Demnach erreichen die Schadstoffe das Wasserwerk in 300 bis 400 Jahren.

Für das Grundwasser sind das nicht wirklich lange Zeiträume. Aber uns Menschen kommt das alles ziemlich lange vor. Vor allem dem Land Hessen, das die laufende Grundwassersanierung bezahlen muss, kommt das alles ewig lange vor. Auch mit Blick darauf, dass man mit dem eingesetzten Geld bei anderen Projekten an anderen Orten schneller zu vorzeigbaren Erfolgen kommen kann.

Deshalb soll es so wie bisher nicht weitergehen in Neuschloß. „Die Effektivität ist gleich null, weil die Ist-Konzentration weiter gleich der Ausgangs-Konzentration ist – und das bei Kosten von bisher insgesamt gut acht Millionen Euro“, erläuterten die Behörden dem Projektbeirat Altlasten Neuschloß. Mit der derzeitigen Technik sei Neuschloß nicht sanierbar.

Nun also gehen die aktuellen Bestrebungen dahin, den Schaden unter der Erde nicht zu beseitigen, sondern zu sichern. Sprich mit einem auszuklügelnden System von Wasserentnahmen und -zufügungen über verschiedene Brunnen dafür zu sorgen, dass sich die Schadstofffahne nicht weiter bewegt. Dreck und Gifte bleiben im Grundwasserleiter unter Neuschloß. Zugleich schraubt das Land die eigentliche Grundwassersanierung zurück, um Geld zu sparen.

Eine Chance hat Neuschloß aber, doch noch einen sauberen Grundwasserleiter zu bekommen. Die Universität Heidelberg entwickelt derzeit ein chemisches Verfahren, das helfen könnte. Die Behörden haben vor einigen Tagen einen zweijährigen Feldversuch angestoßen, der darauf basiert. Start soll im kommenden Jahr sein. Das Prinzip: Ins Grundwasser wird ein Stoff gegeben, der dafür sorgt, dass sich mehr Arsen im Grundwasserleiter löst. Entsprechend größere Mengen könnte die Grundwassersanierungsanlage dann in gegebener Zeit aufnehmen.

Wenn das Heidelberger Verfahren funktioniert, erscheint eine Sanierung innerhalb von zehn, 15 Jahren denkbar. Auch für das Land könnte das ein politisch vermittelbarer Zeitraum sein – es könnte sogar einen bisher einzigartigen Erfolg verkünden. Klappt die Technik nicht, muss Neuschloß nach der Vorstellung der Behörden mit der festgezurrten Schadstofffahne leben.

Die Anwohnervertretung der Neuschlößer – Projektbeirat Altlasten und Altlastenverein – hält eine Sicherung statt einer Sanierung für inakzeptabel. „Wir kämpfen für eine Sanierung, wir wollen keine Sicherung!“, sagte Vorsitzende Carola Biehal in der Mitgliederversammlung des Altlastenvereins. Und: „Unsere große Hoffnung der Feldversuch.“

Update November 2016: Der Modellversuch, den Regierungspräsidium Darmstadt und Universität Heidelberg gemeinsam betreiben, verläuft vielversprechend. Inzwischen liegt der Abschlussbericht vor; bis Februar 2017 entstehen die Detailpläne, wie ins Grundwasser zugeführte Phosphate das an Gesteinen festsitzende Arsen am besten lösen. Entscheidend bei der Grundwassersanierung ist am Ende die Finanzierung, die auf das Land hinaus laufen könnte.

Update Sommer 2017: Es liegt eine Machbarkeitsstudie zur großtechnischen Umsetzung der Arsenmobilisierung vor. Das Hessische Umweltministerium finanziert das Projekt.

So berichten andere: Uwe Rauschelbach kommentiert im Südhessen Morgen. Er schreibt unter anderem: „In der Tat wäre ein Zukunftsszenario von der Art, dass in Neuschlosser Grundwassertiefe eine Zeitbombe namens Arsen ticken könnte, nicht zu akzeptieren. Warum sollten 80 Millionen Euro in einen Stadtteil gesteckt worden sein, nur um dieses unwägbare Risiko auf die Schultern nachfolgender Generationen zu schieben? Den Sodabuckel werden die Bewohner dulden müssen. Er wird aber in einen Zustand versetzt, der sein Risikopotenzial herabsetzt. Davon kann bei der Grundwassersanierung noch keine Rede sein. Die Bewohner des Stadtteils werden noch einmal tief Luft holen und sich zu Wachsamkeit ermahnen müssen.“

Der zugehörige Bericht zeigt in einem Bild die Grundwassersanierungsanlage von innen.

Die Lampertheimer Zeitung berichtet ebenfalls.

Der alte Vorstand des Altlastenvereins ist auch der neue: Die Mitglieder bestätigten die Vereinsspitze komplett. Erste Vorsitzende bleibt also Carola Biehal, zweiter Vorsitzender Günter Weidenauer, dritter Vorsitzender Michael Bayer. Den Vorstand komplettieren Schriftführerin Gabriele Klos, Kassenwart Günter Kirchenschläger sowie Beisitzerin Helga Irrgang und Beisitzer Horst Irrgang. Das Mandat läuft über weitere zwei Jahre.

Zu Beginn des Treffens im Café am Ahornplatz gedachten die Anwesenden dem Gründungsmitglied Ralf Peter mit einer Schweigeminute. Er war im August überraschend gestorben.

Die Sanierung der Grundstücke im Wohngebiet haben die meisten von uns hinter sich gebracht. Doch die Altlasten beschäftigen unseren Stadtteil weiter. Zu tun gibt es noch unter der Erde, beim Grundwasser, und hinter den Buchenweg-Grundstücken, beim Sodabuckel. Beide Themen sind wichtig, damit auch unsere Kinder und Enkel endgültig nichts mehr mit den Schadstoffen zu tun haben.

Zu beiden Themen gibt es Neuigkeiten, über die der Verein Altlasten Neuschloß in einer ordentlichen Mitgliederversammlung informieren möchte am Donnerstag, 28. November 2013, 19.30 Uhr, im Café am Ahornplatz, Lampertheim-Neuschloß, Ahornweg 1.

Die Stadt Lampertheim wird schon bald die Sanierung des Sodabuckels starten. Hier berichtet der Verein von Fragen der Anwohner: Fahren wieder viele Lastwagen durch unseren Stadtteil? Wie werden die direkten Anwohner vor giftigem Staub geschützt? Wie soll das Gelände später aussehen? Antworten darauf gibt in dem Treffen Stephan Frech von der Stadtverwaltung.

Die Grundwassersanierung läuft seit Jahren – und holt große Mengen an Giften aus dem Wasser. Das ist die eine Seite. Die andere Seite: Die Konzentration der Schadstoffe im Grundwasser nimmt kaum ab – sie ist schlicht zu massiv. Für die Behörden tatsächlich ein Grund, den Sinn der Sanierung in Frage zu stellen. Die Sanierer der HIM erklären den Stand der Dinge.

Auf der Tagesordnung stehen auch turnusmäßige Wahlen des Vorstands. Die bisherige Vereinsspitze, bestehend aus Carola Biehal, Dr. Günter Weidenauer und Michael Bayer, weist darauf hin: Sollte die Versammlung nicht beschlussfähig sein, wird satzungsgemäß eine zweite Versammlung mit derselben Tagesordnung einberufen, die sofort und anschließend stattfindet. Sie ist dann ohne Rücksicht auf die Zahl der erschienen Mitglieder beschlussfähig. „Dennoch fänden wir es ein schönes Zeichen, viele Mitglieder zu sehen“, heißt es in der Einladung.

Die Tagesordnung auf einen Blick:

  1. Begrüßung, Feststellung der Beschlussfähigkeit
  2. Rückblick (Erste Vorsitzende Carola Biehal)
  3. Grundwassersanierung (HIM-Altlasten-Sanierungsgesellschaft ASG)
  4. Sanierung Sodabuckel: Verkehrsführung /Staubschutz/Wiederherstellung (Stadtverwaltung Lampertheim)
  5. Kassenbericht (Kassenwart Günter Kirchenschläger)
  6. Entlastung des Vorstands
  7. Neuwahlen
  8. Verschiedenes

Wie sehr darf sich eine Stadt wirtschaftlich engagieren, wenn das, was Unternehmen anbieten, für die Bürger nicht ausreicht? Diese Frage wirft SPD-Bürgermeisterkandidat Jens Klinger in einer Wahlkampfveranstaltung im Café am Ahornplatz auf.

Sein Anlass: Die Hausbesuche in Neuschloß, bei denen viele Anwohner über eine schlechte Breitbandversorgung geklagt hätten. „Nicht nur Privatleute, auch viele Freiberufler, die auf schnelles Internet angewiesen sind.“ Weil die zuständige Vermittlungsstelle der Deutschen Telekom in Lampertheim an der Bürstädter Straße steht, ist der Weg zu lang, um kabelgebundenes DSL anzubieten. Eine technische Lösung wäre eine Glasfaserleitung nach Neuschloß zu legen und dort einen eigenen Verteilkasten aufzustellen. Das würde den Neuschlößern gefallen. Der Deutschen Telekom ist das aber zu teuer.

Soll also nun die Gemeinde einspringen? „Im Odenwald gibt’s das“, berichtet Klingler. Die Gemeinden verlegen dort Leitungen auf eigene Rechnung. „Sollen wir als Kommune Breitband ausbauen?“, fragt er. „Oder sollen wir einen Ausbau mit einem Partner anstreben?“ Klingler lässt die Fragen im Raum stehen, verweist auf eine Studie zum Thema Breitband, die Lampertheim gemeinsam mit Nachbarkommunen erstellt habe – und kommt zu dem Schluss: „Ich bin da guter Dinge, dass wir kostengünstig die Möglichkeit haben, in Lampertheim schnelles Internet anzubieten.“

Nun ist es ja so, dass in Neuschloß schnelles Internet durchaus erhältlich ist – über den Kabelanbieter Unitymedia, der auf Wunsch die Glasfaser bis ans Haus legt. Schneller geht’s derzeit kaum. Also so richtig brauchen wir die öffentliche Hilfe beim Thema Breitband im Stadtteil gar nicht – auch wenn manche Unity aus eigener Erfahrung nicht über den Weg trauen.

Geldautomat als öffentliche Aufgabe?

Anders könnte das aussehen beim Thema Bargeldversorgung. Hier versagt die freie Wirtschaft tatsächlich im Stadtteil, seit die Sparkasse den letzen Automaten vor Ort abgebaut hat. Der Betrieb sei zu teuer, heißt es auch hier. Das ärgert viele Neuschlößer.

Wäre denn denkbar, so eine Frage an Klingler, dass die Stadt auf einen Teil der jährlichen Zuweisung aus den Gewinnen der öffentlich-rechtlichen Sparkasse verzichtet und dafür das Kreditinstitut beauftragt, in Neuschloß einen Geldautomaten zu betreiben? Klingler winkt ab: Ein öffentlicher Geldautomat? „Es gibt einen bestimmten Grad, da sollte sich eine Kommune aus der Wirtschaft raushalten.“

Und außerdem: „Sie schaffen so eine Erwartungshaltung in ganz Lampertheim. Als nächstes kommt dann der Europaring und fordert einen Geldautomaten.“ Was sich vermeiden ließe, wenn es klare Kriterien gäbe, bei welchen Gegebenheiten die öffentliche Hand einspringt. Dennoch: klare Absage.

Klingers Fünf-Punkte-Katalog für Neuschloß

Zu Beginn der Veranstaltung stellt Klinger sein Neuschloß-Programm vor. Damit ist der SPD-Mann der erste Kandidat, der seinen allgemein gültigen Standard-Vortrag zur Seite legt und sich gänzlich auf den Stadtteil konzentriert. Das ist beachtlich – und kann nur, wer weiß, was Neuschloß bewegt.

Fünf Punkte umfassen die Ausführungen im Wesentlichen: die Altlasten-Sanierung, der Schutz vor Lärm an der Landesstraße 3110, der stinkende Abwasserkanal, die erwähnte Breitband-Thematik und der von Anwohnern geforderte Bolzplatz.

Die Sanierung des Sodabuckels bezeichnet Klinger als größtes Projekt in der nächsten Zeit. „Wir fangen dieses Jahr an, das Geld ist freigegeben“, fügt er hinzu. Wert legt er darauf, dass der Projektbeirat Altlasten Neuschloß (PAN) aktiv bleibt. Das Fachwissen der Anwohnervertretung sei sehr hilfreich.

Einen Lärmschutz an der Forsthausstraße – also der L 3110 im Ortsgebiet – sieht Klingler „ähnlich bedeutend“ wie die Lage an der Wormser Straße in der Kernstadt. Flüsterasphalt, Lärmschutz, andere Glasscheiben – „da muss ein Bürgermeister beim Regierungspräsidium vorstellig werden“, schreibt sich Klingler in sein Pflichtenheft.

Am Thema Kanal habe die Verwaltung bereits gearbeitet: „Da sind Biofilter reingekommen, und es gibt jetzt öfter Spülungen.“ In der Tat ist seither die Geruchsbelästigung zurückgegangen, was auch an einer gesunkenen Zahl von Anwohner-Hinweisen im Meldeformular von Neuschloss.net zu erkennen ist. Dennoch riecht es manchmal noch. „Wenn die Biofilter nicht die gewünschte Entlastung bringen, müssen wir uns darum kümmern“, sagt Klingler. Geplant sei eine hydrauliche Erfassung der Kanäle, nicht nur in Neuschloß übrigens. Ein Projekt für die kommenden fünf Jahre.

In der Bolzplatzfrage kündigt Klingler ein kleineres Kleinplatzfeld auf den Gelände des bestehenden Spielplatzes am Alten Lorscher Weg an – Neuschloss.net hat darüber bereits berichtet. In ersten Reaktionen auf unserer Facebook-Seite zeigen sich Jugendliche und junge Erwachsene wenig angetan von der Idee.

Busline von Neuschloß zum Aldi?

Klingler betont, wie wichtig die Entscheidung für Neuschloß als Kinderkrippen-Standort ist: „Als Stadt erkennen wir, dass es langsam eng wird in Neuschloß“, sagt er mit Blick auf die Infrastruktur. Die Krippe steigere die Lebensqualität in Neuschloß für junge Familien. „Und das steigert auch Wert der Immobilien“.

Die Diskussion führt von fehlenden Einkaufsmöglichkeiten zu der Frage, ob es nicht eine Buslinie von Hüttenfeld über Neuschloß weiter zum Fachmarktzentrum mit Rewe und Aldi in Lampertheim geben könnte. „Vielleicht kann man das mit dem Bus verbinden, der ohnehin durch den Guldenweg fährt“, schlägt Ortsvorsteherin Carola Biehal (SPD) vor. Klingler zeigt sich offen für den Vorschlag: Derzeit müsse ohnehin eine neue Ausschreibung für den Busverkehr erstellt werden, ein Fachbüro sei damit beauftragt, 40.000 Euro stünden dafür bereit.

Fünf Satzanfänge für Klingler

Fünf Satzanfänge, der die Kandidat verlängert, hat Neuschloss.net auch für Jens Klingler – genau wie jüngst für Frank Schall. Wir dokumentieren auch hier den Dialog.

1. In zehn Jahren wir Neuschloß – „altlastenfrei sein.“

2. Am liebsten in Neuschloß bin ich – „auf dem Schlossfest. Das fand ich toll. Der Gottesdienst war sensationell.“

3. Wichtiger als ein Bolzplatz ist für Neuschloß – „der Lärmschutz an der L 3110. Fußball spielen kann ich immer irgendwo. Den Lärm bekomme ich nicht weg.“

4. Als Bürgermeister sage ich über die Grundwassersanierung – „dass das Land Hessen in der Pflicht ist, die Grundwassersanierung durchzuführen. Zumal wenn vorher etwa 100 Millionen in die Bodensanierung investiert wurden.“ Ortsvorsteherin Carola Biehal ergänzt hier: „Die Grundwassersanierung steht auf der Kippe, das wissen wir.“

5. Der Beamtenbau, also das Schloss, sollte – „zum Schuckstück von Neuschloß werden. Wir sind stolz darauf, dass die Stadtentwicklung Lampertheim den Verkauf geschafft hat.“

Zusammengefasst

Klingler ruft Themen auf, die Neuschloß beschäftigen – und er lässt sich ausführlich auf diese Fragen ein. Dazu waren andere Kandidaten bisher nicht in der Lage. Die Frage des öffentlichen Wirtschaftens wirft Klingler auf, bleibt zunächst aber vage – und lehnt sie schließlich ab. Dass der SPD-Mann die Kanalfrage nachhaltig angehen will, ist löblich – die Sache wurde in früheren Jahren auch im Ortsbeirat verschleppt. Bei den Hintergründen zur Grundwassersanierung hat Klingler noch Informationsbedarf; das kann ein wichtiges Thema werden. Aber da haben er und Neuschloß ja eine Ortsvorsteherin an der Seite, die ihres mit Sicherheit dazu beitragen wird.

So berichten andere: Tip-Verlag

Frank Schall, und das muss man ihm positiv anrechnen, ist nach Neuschloß gekommen. Sein Ziel ist klar: Er sammelt Stimmen für die Bürgermeisterwahl, auch in unserem Stadtteil. Zwei mannshohe Plakate hat er auf den Ahornplatz gestellt und einen kleinen Tisch – umhüllt mit einem Plakat, das sein familäres Wahlkampfteam zeigt. Ein Teil der Gesichter findet sich wenige Meter weiter unter den etwa ein Dutzend Gästen. Eigentlich, sagt er, wollte er ja in den Bürgersaal. Aber wegen des schönen Wetters habe er sich spontan dazu entschlossen, im Freien aufzutreten.

Noch ein paar Hände geschüttelt, die Frauen und Männer persönlich begrüßt. Dann geht es los, pünktlich. Frank Schall, das wird schnell klar, spricht laut und selbstsicher, unterstreicht hier und da seine Worte mit gestikulierenden Händen. Wer sich an den ein oder anderen Zeitungsbericht über Schalls vorangegangene Wahlkampfauftritte erinnert merkt schnell: Die Sicherheit kommt nicht von ungefähr. Diese Rede hat der Kandidat schon öfter gehalten.

Gut 50 Minuten dauert in Neuschloß jener Teil von Schalls Ausführungen, die er so wohl auch in Hüttenfeld, Rosengarten oder der Kernstadt vorträgt. Mehr Straßen, Vereine unterstützen, im Stadtmarketing besser um Firmen werben, die Zusammenarbeit mit anderen Kommunen ausbauen. Die Neuschlößer hören geduldig zu.

Dann endlich „noch zwei, drei Anmerkungen zu Neuschloß“. Die Altlastensanierung, erklärt Schall, sei zum Großteil erledigt, die Bearbeitung des Sodabuckels auf den Weg gebracht. „Die Sanierung des Buckels wird in meiner zweiten Amtszeit abgeschossen sein“, sagt Schall und lächelt erkennbar selbst über seinen offenbar spontanen, selbstironischen Scherz. Jetzt kämen, und das sei gut, nach der Sanierung andere Themen hoch, die eigentlich nicht so wichtig seien. Etwa ein Bolzplatz. „Kicken in der unmittelbaren Ortsnähe fehlt noch in Neuschloß“, sagt Schall, der auch Vorsitzender des Lampertheimer Turnvereins ist, dann aber doch mit ernstem Gesicht.

Die zweite Bemerkung mit Stadtteilbezug: Er stebe eine Ortsumgehung für die L 3110 an – vom Kreisel am Hundeheim bis zur langgezogenen Kurve im Wald hinter Neuschloß in Richtung Hüttenfeld. Das habe den Vorteil, dass auf den Feldern vor Neuschloß, etwa gegenüber dem Waldfriedhof, im Flächennutzungsplan die Einwicklung eines Baugebiets vorgesehen werden könne. „Neuschloß ist ja eine gesuchte Wohnlage.“

Ein Bürger zeigt sich irritiert. Er sucht nach einer Formulierung und wendet schließlich ein: „Die Notwendigkeit einer Umfahrung erschließt sich mir nicht.“ So schlimm sei die Landesstraße doch nicht. Nun zeigt sich Schall seinerseits irritiert und erklärt: Es sei Ortsvorsteherin Carola Biehal (SPD) gewesen, die in einem Zeitungsinterview eine Umgehung vorgeschlagen habe. „Da habe ich das aufgenommen.“

Denn, führt der Kandidat aus: Man müsse ja für jeden Stadtteil sagen, „wo sind da die Notwendigkeiten und Begehrlichkeiten. Es muss ja alles gleich verteilt sein.“ Möglicherweise ist das der Grund, warum Schall zuvor auch Ortsumfahrungen für Hüttenfeld und den Rosengarten forderte. Außerdem einen Lückenschluss der Ostumgehung und – allerdings nur perspektivisch, „das werde ich nicht mehr erleben“ – eine Verlagerung der Bundesstraße 44 aus der Stadt heraus.

Das Thema ICE-Trasse spricht Schall von sich aus nicht an, aber auf Nachfrage. Er wolle nicht, dass Schnellzüge durch Neuschloß rasen, versichert er. Ortsbeiratsmitglied Paul Schneider (FDP) stellt eine ganze Reihe von Fragen – unter anderem, was Schall von einer Zusammenarbeit bis hin zu einer Fusion des Neuschlößer Vereins SC Kurpfalz mit dem Lampertheimer Turnverein halte. Je nach dem, könnte man die Antwort zusammenfassen.

Am Ende bittet Neuschloss.net den Kandidaten Schall, fünf unvollständige Sätze zu ergänzen. Wir dokumentieren den Dialog.

„Ein Geldautomat in Neuschloß ist…“ – „nicht vorhanden“, antwortet Schall. Auf die Nachfrage, ob der Satz noch weiter gehen könne, hilft ein Bürger und ruft: „nicht vorhanden, aber notwendig.“ Sehen Sie das auch so? „Ja“, sagt Schall. Wie er hier vorankommen wolle, nachdem schon der Ortsbeirat vergebens entsprechende Appelle verabschiedet hat? Vielleicht nochmal reden mit der Sparkasse, sagt Schall.

„Der Beamtenbau, also das Schloss, sollte bald…“ – Schall überlegt eine ganze Weile und sagt schließlich erleichtert: „einer sinnvollen Bewirtschaftung zugeführt werden.“ Wie die aussehen könne? „Damit habe ich mich noch nicht befasst“, räumt Schall offen ein. Die Stadt hat den Beamtenbau jüngst an einen privaten Investor verkauft.

„Die Entscheidung für den Krippenstandort Neuschloß war…“ – „richtig“, sagt Schall sehr überzeugt. Wohl auch deshalb, weil FDP-Ortsbeirat Schneider sich zuvor zur Überraschung mancher Bürger in die andere Richtung geäußert hatte.

„Neuschloß braucht am dringendsten…“ – einen Bolzplatz. Damit greift Schall ein Thema auf, das derzeit viel Wind macht im Stadtteil. Ob es das Dringlichste ist, dürfte Ansichtssache sein.

Und schließlich: „In Neuschloß bin ich am liebsten…“ – „bei meinem Freund Armin.“ Na gut. Eigentlich wollten wir ja mal schauen, wie’s mit der Ortskenntnis aussieht.

Zwischenzeitlich wird es im Laufe der zweistündigen Plauderrunde fast dunkel. In jedem Fall ist der Diskussionspart zu den Neuschlößer Belangen kurzweilig. Schall hätte sich etwas besser vorbereiten können auf die zentralen Themen des Stadtteils – zumal er wissen muss, dass sein stärkster Konkurrent, Erster Stadtrat Jens Klingler, als Vertreter der Verwaltungsspitze vierteljährtlich im Ortsbeirat detailliert über solche Dinge diskutiert, also mit hyperlokaler Fachkompetenz punkten kann. Aber immerhin: Schall hat sich als erster Kandidat direkt auf dem zentralen Platz des Stadtteils den Fragen der Bürgerinnen und Bürger gestellt und sich um ehrliche Antworten bemüht. Das wiederum spricht für sein Interesse an Neuschloß (und den Wählerstimmen von dort). Und das müssen die anderen Kandidaten erst mal nachmachen.

So berichten andere: Lampertheimer Zeitung, Tip-Verlag (Pressemitteilung)